Trude Krakauer

geboren 1902 in Wien, gestorben 1995 in Bogotá.

ihr Buch erschien in der Lyrikreihe Nadelstiche

 

Meine Widersprüche

Wenn ihr mich ganz in eure Kreise zieht,
So quält die Furcht mich. Du versäumst dein Sein;
Doch laßt ihr mich, wie ich’s gewollt, allein,
So mahnt die Sehnsucht: Sei ein dienend Glied.

Ich bin ein Mensch, der vor sich selber flieht
Und kehr doch täglich in mich selber ein,
Ich will nur eines: mich von mir befrein
Und bin voll Neugier, was mit mir geschieht.

Die Neugier treibt zu neuem Abenteuer
Und widerstrebend bin ich stets bereit
Und laß mich treiben, ohne Ziel und Steuer.

Und bleib dieselbe doch in jedem Kleid:
Ich irre frierend um die fremden Feuer
Und sehn mich nach der großen Dunkelheit.

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Jorie Graham

das war eine unglaubliche Erfahrung.

Aus: WER SCHAUT VON DER DUNKLEN VERANDA

in: Region of Unlikeness/ Region der Unähnlichkeit (dt. von Werner Hamacher)

Urs Engeler Editor 2008

6

Sound Moses show me Your face.

               Not the voice-over, not

the soundtrack (thou shalt not thou)

               shalt not), not thr interpretation – buzz –

the face.

              But what can we do?

Call the

 

6
Sagte Moses zeig mir Dein Gesicht.

Nicht den Kommentar, nicht

die Tonspur (du sollst nicht du

sollst nicht), nicht die Interpretation – Rauschen –

das Gesicht,

Aber was können wir tun?

Rufen nach dem

Edna St. Vincent Millay (1892 – 1950)

Love is not all

Gedichte aus dem Amerikanischen übersetzt von Günter Plessow

Urs Engeler Editor 2008

Auszug aus Interim/Interim

Dark, Dark is all I find for metaphor;

All else where contrast; – save that contrast’s wall

Is down, and all opposed things flow together

Into a vaste monotony, where night

And day, and frost and thaw, and death and life,

Are synonyms. What now – what now to me

Are all the jabbering birds and foolish flowers

That clutter up the world? You where my song!

Die einzige Metapher, die mir einfällt,

ist Dunkel, alles andre wär Kontrast;

– es sei denn, jeder Gegensatz zerflösse

in monotoner Synonymität,

wo Nacht gleich Tag und Frost gleich Tau und Tod

gleich Leben wär. Was nun – was ist mir nun

Vogelgeplapper, Blumennarretei,

all dieser Lärm? Du warst doch mein Gesang!

Kuno Raeber

aus: Reduktionen.in Werke Band 1. Gedichte. München und Wien 2002 (Pflichtlektüre für alle Klassen und Schichten, sag ich mal)

 

Jenseits

 

Erhaben und

beladen mit Schmuck mit

Geschmeide und Steinen

über die Wüste.

Und dann die Düne und nur

noch eine kleine Erhebung. Der Falter

winzig und weiß in den Gärten

jenseits des Flugsands.

Jeffrey Yang

Auch von letztem Jahr: Jeffrey Yang: EIN AQUARIUM, in der Übersetzung von Beatrice Faßbender erschienen im Berenberg Verlag.

In dieser mit allen Wassern gewaschenen Dichtung ist es nur ein kleiner Sprung von den Zooxanthellen zu einer langen Threnodie über die amerikanischen Atomtests im Bikini-Atoll, wobei der Autor wiederum hinter die Fakten zurücktritt und sie für sich selbst sprechen läßt — was seine Kritik umso schneidender, die Wirkung umso größer macht. Doch es gibt daneben Raum genug für die Fülle und Schönheit, die immer bedrohte, und das meditative Nachsinnen: das Gedicht „Vakuum“ zum Beispiel besteht nur aus einem Zitat über ein Vakuum, und man denkt unwillkürlich an John Cages 4’33’, in dem die Musik allein aus den Geräuschen besteht, die den reglos vorm Klavier sitzenden Pianisten umgeben.

(Jürgen Brôcan auf Fixpoetry)

Aristotle

Aristotle thought eels
“the entrails of the earth.”
If “eels” were replacedwith
“politicians” this image
would be a guideway to a sign. Instead,
it’s an instance of
converting Metaphors
into Proprieties. And so Browne
doubted Aristotle’s leap
into Euripus.
For not understanding tide’s
motion, Aristotle recognized
the “imbecility” of reason.

Aristoteles

Aristoteles hielt Aale für
„die Eingeweide der Erde“.
Ersetzte man „Aale“ durch
„Politiker“, würde dieses Bild
den Weg zu einem
Zeichen weisen. Stattdessen
ist es ein Beispiel für die
Verwandlung von Metaphern
in Eigenschaften. Und so bezweifelte
Browne den Sprung des Aristoteles
in den Euripos.
Da er die Bewegung der Gezeiten
nicht verstand, erkannte Aristoteles
den „Schwachsinn“ der Vernunft.

Gwendolyn MacEwen

ein buch, das fast unbeachtet blieb, ist der gedichtband Die T.E. Lawrence Gedichte der kanadierin Mac Ewen. 2010 erschien eine zweisprachige ausgabe (ü. Christine Koschel) bei der edition rugerup

Lügengeschichten

Es wurde behauptet, ich lüge manchmal oder biege mir
die Wahrheit zurecht. Bin ich wirklich 650 km alleine
durch türkisches Gebiet gereist oder nicht?
Ich möchte wissen, ob das irgendwen
etwas angeht. Syrien ist noch immer da,
und die lange Lüge, die der Krieg war.

Gab es ein Plakat von mir mit einem Kopfgeld für meine Festnahme,
und stand ich wirklich dort und glotzte mich selber an,
forderte jedermann heraus, mich zu erkennen ? Erwäge
Wahrheit und Unwahrheit, erwäge, warum man
von den Schauplätzen des Krieges spricht. Jeder
von uns spielte seine Rolle mit ganzer Seele.

Dichter spielen nur mit den Worten, weißt du; auch sie
sind Meister der Lüge, der Großen Fiktion.
Dichter und Männer wie ich, die um etwas kämpfen,
was in den Worten erfaßt ist, doch nicht um Worte.

Was, wenn das ganze Schauspiel Lüge war, und das war es auch,
verdammt –
würde ich dich weiter belügen? Klar würde ich das.

Abbitten

Ich wählte Arabien nicht; es wählte mich. Das schäbige Geld,
Das die Wüste uns anbot, kaufte Lügen, kaufte Sieg.
Was tat ich, dieser beschmutzte Außenseiter,
Unter ihnen? Ich wurde nicht zu einem der ihren, egal
Was du denkst. Sie fanden es leichter, meine Art
des Arabischen zu lernen, als mir die ihre beizubringen.
Und sie waren alle verrückt; sie bestiegen ihre Pferde und Kamele
von rechts.

Doch die Doppelreiche in meinem Geist führten ewigen Krieg;
Die verwegenen Beduinen und der zivilisierte Engländer
kämpften um die Führung, so daß ich, gleich was
auch immer ich war,
In eine dumpfe Leere fiel, die nicht einmal ein falscher Gott
ausfüllen konnte,
bewohnen konnte.

Die Araber sind Kinder der Idee; laß eine Idee
Vor ihnen baumeln, und du kannst sie sonstwohin mitreißen.
Auch ich war ein Kind der Idee; ich wollte
keine Freiheit für mich selbst, sondern sie
Ihnen bescheren. Ich wollte ihnen ein Geschenk machen, so edel,
daß es alle anderen Geschenke in ihren Augen würde
überstrahlen;
es würde würdig sein. Dann endlich könnte ich
Leer sein.

Du kannst dir nicht vorstellen, wie schön es ist, leer zu sein.
Aus dieser grandiosen Leere müssen gewiß wundervolle Dinge
Gestalt annehmen.
Als wir aufbrachen, war es Morgen. Wir ahnten kaum,
Daß wir beim Weiterziehen keine Armee mehr wären, sondern eine Welt.

No meio do caminho

CARLOS DRUMMOND DE ANDRADE

(* 31. Oktober 1902 in Itabira, Minas Gerais; † 17. August 1987 in Rio de Janeiro)

No meio do caminho

No meio do caminho tinha uma pedra
tinha uma pedra no meio do caminho
tinha uma pedra
no meio do caminho tinha uma pedra

Nunca me esquecerei desse acontecimento
na vida de minhas retinas tão fatigadas.
Nunca me esquecerei que no meio do caminho
tinha uma pedra
tinha uma pedra no meio do caminho
no meio do caminho tinha uma pedra.

 

Auf der Hälfte des Weges

Auf der Hälfte des Weges war ein Stein
war ein Stein auf der Hälfte des Weges
war ein Stein
auf der Hälfte des Weges war ein Stein.

Nein, nie werde ich dieses Ereignis vergessen
im Leben meiner ach so müden Netzhaut.
Nein, nie werde ich vergessen, auf der Hälfte des Weges
war ein Stein
war ein Stein auf der Hälfte des Weges
auf der Hälfte des Weges war ein Stein.

Ü. NL