J.H. Prynne: Drei Gedichte aus „The White Stones“ (1969), in: J.H. Prynne: Poems, Bloodaxe Books 2005

zur frage der wärme-konservierung


nach der ganzen verronnen zeit ist nun was mir bleibt
das schmelzwasser, unaufhörlich um meine füße
und knöchel. dort bedeutet das eis verklär
ung des
gewesenen und der beredtheit, der sanftmut
des irdischen seins; ich habe das schon so
lange als angemessen erkannt, daß
der
beginn begraben liegt in licht

gewöhnlich wie warmes gras und gestrüpp
vermutlich also schon immer
oder immer noch, erschien aber dann, im
letzten krieg, kristallin. es gab da eine niedrige
trockenmauer, steife schritte

abwärts jetzt seh ich das gefrorene wasser, mit
weiß
lichen adern und masern darin;
das gleiche, das in neu-england eine tiefe
leidenschaft für den eislauf entfachte, und wie still
alles war

die sanftheit einer muschel, so
zart, so herrlich
flach in der vergangenheit; ich
kann mich kaum erinnern
die harte schale
zerbrechlich

bestimmend für das achtzehnte jahrhundert oder den
spezifisch englischen brauch der sittlichen freimut,
ins dickicht jener gebiete versetzt
wo sich dieselbe unbestimmte heiterkeit sacht bemerkbar machte,
so daß
jede bewegung auf vieles verwiese

über die spitze
gebracht, gleitend
das flickern nicht kennen
das verbindet
auch ich

hatte keine ahnung, wer früher dort lebte. es war sicher
keine besondere schule, wir waren auß
er reichweite der bomben
jetzt, denk ich, weiß
ich das. den fluß jedoch
beredt beendet, am goldenen vlies entlang
gelaufen und am busfahrplan

„nicht so einfach
präz
ise zu
sagen was
ein bewohn-
bares land
ausmacht“ – eine
theorie der erde

die tage ein winziger teil
sanft birgt er hirnschale oder
den kopf, die haut durchläs
sig für die
beredtheit von dem

was hier so weit entfernt war! so eisumhüllt gleich
harz, daß
weiß damals nicht mehr zu sein schien
als wolkig. das wassermuster ist
höchst asymmetrisch, bindung taugt kaum zum schutz
gegen wohlstand, widerstandskraft, das viel geliebte eis.

was ich wirklich liebte: wenn
das licht gefror
auf dem feld
aufgepflügt
von draht, ich
wuß
te nicht, daß
das der sanfte griff der
unkenntnis gewesen war
die wellen, das
eis

die formen gefroren in vertrauter ferne –
es gab sie damals, und sie sind näh
er jetzt, da
sie schmelzen und in die abwasserkanäl
e rau-
schen: „eine entscheidende achse der kristall-
struktur des eises bleibt auch nach dem
schmelzen dominant“ – glaubst du das?

oder leb dort im schatten würden
sie sagen ich weiß
jetzt darüber
bescheid, noch zog sich die muschel zusammen, aber
irgendein winziger strom
schmolz daraus hervor.
die luft umspielt
seine krone, der
fürst des lebens
oder sein
privileg, seinen
preis. die fehlende
sonne (auf den
bäu
men des feldes) scheint nun
so sanft
auf das geweiß
te und unebene eis
lieblicher tag so still
das glitzern ist der krieg, der nun beginnt,
zum ersten mal hör ich die geschütze

oder nehme das zumindest an; die beredtheit des schmelzens
ist gleichwohl über mir, der pfad wird zum
strom, und ich gebs auf
zu glauben, das eis widerstehe der hitze; mit
dieser wär
me / ah ganz bescheidenem & sanftem
auskommen – ein mensch könnte leben
ohne viel
mehr.

die gletscherfrage, ungelöst

was das eis betrifft, waren die
einbrüche partiell, folglich war der frost
ein prachtvoller führer
der himmel wolkig
und der tag gepackt in kristall
als der schub schwäc
her wurde und wir zum
stehen kommen, län
gs der küste von norfolk.
das ist kein absoluter punkt, und seitdem
das verhält
nis teil-zu-teil bestand, verlief
das gleiten kursiv; ein rückzug, gefolgt
von einem vorrücken, geradewegs auf nord london zu. die
morän
e verläuft längs der finchley road
einschließ
lich hippopotamus, was kein
kein witz mehr ist angesichts der gegenwär
tigen marginalisierung
intellektueller lebensform. sie lebten so als
sei evidenz frei verfügbar, ungeachtet der folgenden
drift.
die linie hunstanton – wells stellt die exakte
schwelle dar, von dort erheben sich hügel
ins „binnen“; die stufen durchbrochen
von einem süd-westlich in den wash hineingekrümmten zipfel
und diese plötzliche wä
me, die die birke
bis hoch nach schottland brachte. sobald
die 50 grad
-isotherme zurückweicht gibt es
dieses jahrhunderte wäh
rende wetter, das sich ablagert in pollen
und die vereinzelten vorstöße richtung cromer (von osten)
und gipping (meistens nach süden).
die schrammen sind teil des tiefen
begehrens, dessen grasland ist eher küste
innerhalb derer, weniger reservat.
und als die kappen schmolzen, windet sich der eustatische hub
auf meereshöhe um den mergel, die
fundamentale erhebung, die wir „land“ zu nennen hoffen.
und der sich krümmende grat des kreide-
kamms, wie ihn die drift verbirgt, dem
schub entgegengewölbt: das eis tritt
dem gewesenen meer entgegen, so ist die anmutung
von „klippen“ der verwitterte stumpf eines gefühls
im schlimmsten erdenklichen klima.
oder sollte das
zu heftig sein, dann ist es das straff gespannte gleichgewicht
das das kippen verhindert: land/meer im verhäl
tnis eiskappe
zu grasland, nicht mehr als 2
-3 grad fahrenheit. die
toleranz muß
so gering gewesen sein, nahezu
jede kante am felsgrat ist eine wetter-
scheide
das eis ebnet die buckel ein,
füllt die höhlungen mit sandigem lehm,
sozusagen streu auf „oberfläc
he“. bis hier die straßen
zögerlich hindurchführen, schläg
t die beugung
der geschichte den takt, die tatsachen
folgen nach, sie sind ununterbrochene abfolge, und
zeit ist nicht die grenze, sondern bergrücken
und temperaturverschiebungen, plus oder minus, was immer
wir haben, karbon legt es fest.
es rüttelt uns
in diesem hohlraum, in der kippe, wo der
himmel, weniger wolkig jetzt, auf unseren stirnen
ruht. unser klima ist maritim, und
„es fragt sich, ob es je einen
hinreichenden wechsel in der marinen fauna gegeben hat,
der die behauptung rechtfertigt, daß
selbst das pleistozän
an ein ende gelangte.“ wir leben mit dieser
frage, sie ist eine wirklichkeitsbedingung: sobald wir
uns bewegen, gleicht sie den horizont an: waldgürtel,
die chilterns, hoch in die hügel von yorkshire.
die fallbewegung, die helle wolke,
hereingeblasen aus dem eis des norfolk-
schubs. wie gegen mittag der tau aus dem gras
verschwindet, verschiebt sich die rückzugslinie
nach hinten. wir wissen, wo norden
ist, das eis ist weiß
am abend.
wir wissen das, wir sind, was es zurückläß
t:
das pleistozän
ist unser gegenwärtiger bewußtseinsstand, und
was wir ahnen zu sein, das sind
wir, die küste, eine linie oder abfolge, die
blende zurück richtung strand.


Quellen

Ordonance Survey Limestone Map, Sheets 1 and 2 (1955 edition), with
Explanatory Text (1957)

K. W. Butzer, Environment and Archaeology; An Introduction to Pleistocene
Geography
(London, 1965), especially chapters 18, 21, 22, 28

W. B. R. King, „The Pleistocene Epoch in England“, Quart. Journ. Geol. Soc.,
CXI (1955), 187-208

R. P. Suggate and R. G. West, „On the Extent of the Last Glaciation in Eastern
England“, Proc. Roy. Soc. B, 150 (1959), 263-283

G. Manley, „The Range of Variation of the British Climate“, Geogr. Journ.,
CXVII (1951), 43-65

R. G. West and J. J. Donner, „The Glaciations of East Anglia and the East
Midlands: a differentiation based on stone-orientation measurements of the
tills“, Quart. Journ. Geol. Soc., CXII (1956), 69-87

frost und schnee, beim fallen

das ist – eine eigenart des menschen und seines werdens:
wunderschön, oder es zeichnet eine wirklich einfache und
sichere entscheidung aus, nicht weniger fließ
end als ein fluß,
der seinen namen verdient. die konservierung
einer nachricht, die wahrung einer bestimmten ordnung
innerhalb der himmlischen interessenfamilie. der schnee
deckt da, wo er fiel, und die grenze demnach
permanent sinkend, weit entfernt fär
bt sich die
steppe weiß
, und die gebiete des winters.
seit dem menschen im eisblock und seinem groß
en,
berstenden gebrüll, ist der schneefall eine gefäl
ligkeit;
wir verlangen keine schwarze spirale, sanft
und von unsrer eignen art. wir gleiten tiefer, widerrufen
die flut, machen uns auf den weg oder auf nach dort, was man früher
schlachtfeld nannte. wir halten uns abseits der küste,
auch wenn es sich zu unsrem besten wendet, zu höchst bedeutsamen,
schicksalhaften zeiten. ich betrachte das: als schneedecke,
aber auch als das weideland, das es sein wird, als vergnügen oder
auftritt des widersachers, mit lehm an seinen schuhen.
von wie weit her bist du gekommen und wie lang war deine
reise? solche leute sind hungrig; der widersacher
setzt in tiefem wasser sein leben aufs spiel, das rötliche gold
schimmert im schatten unserer lüsternen ödnis.
so daß
, wenn der schnee wieder fällt, die erde
lichter und lichter wird. die oberfläc
he ver-
bündet sich mit uns, wir sind ihr erstgeborenes. noch
in heutigen zeiten hinterlassen wir spuren, wenn wir
gehen. und wenn wir gehen, wandern, schreiten oder daraus
hervorklettern, lassen wir es zurück, unser
horizontales nachdenken über die welt. der mönch
dicuil stellt fest, daß
ein mensch während der sommer-
sonnwende in island die ganze nacht hindurch sehen könne,
so wie ganz selbstverstän
dlich er es konnte. auch das ist eine
eigenart, eine art groß
zügige leichtigkeit, die wir
dem widersacher entgegenbringen, wenn er hereinkommt. die spuren
sind abwegig, all die anderen dinge im verborgenen.

am neunten mai 1247 machten sie sich auf die heim-
fahrt. „wir reisten durch den winter, häu
fig
schliefen wir in der ödnis auf schnee, auß
er es
gelang uns, die stelle mit unseren füßen freizumachen.
da es keine bäu
me gab, sondern ausschließlich offenes feld,
fanden wir uns manches mal vollstän
dig
von verwehtem schnee bedeckt.“ für mich
klingt das nach einem ungeheuren privileg, den abstieg
über den rand zu betrachten. jeder mensch
hat seine eigene ecke, die frage, die
ihn umtreibt. es liegt in seiner natur, der eigenart, die er
ausdehnt auf die welt, als sei seine gestalt
seine „königliche würde“. und nicht einmal gregor
glaubte an die wallfahrtsorte: jerusalem,
sagt er, ist zu voll von plünderung und wollust, als daß
es
dem geist richtung geben könnte. der rest scheint flammen-
gleich, der pilger wiederum ist eigenart, und
seine ausdehnung ist der weg, den er über die erdkruste geht,
die ihn sicher tragen wird. der wanderer mit seinem
dicken stock: wen kümmerts, ob er ein ungebildeter
schnorrer ist – er ist unser einziger widersacher. ohne ihn
ist die himmlische familie nur eine farce, der
gesamte pleistozän
-übergang wird zu
schmelzen beginnen wie schnee, hineingezogen in den boden.

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