Daniil Charms

1992 erschien in der Friedenauer Presse eine Auswahl seiner Notizbücher. Charms war der einzige der Oberiuten, über den ich schon in der DDR gestolpert war. Zuerst in einer Auswahl russischer Theaterstücke (darin fand ich sein Stück Jelisaweta Bam, das mich bei der ersten Lektüre sehr an Dialoge von Schwitters erinnerte. Ich liebte Schwitters (und noch heute liebe ich Schwitters „aber das ist eine andere“ Angelegenheit“.))  Die Auswahl, die von Peter Urban übersetzt wurde, heißt: Die Kunst ist ein Schrank und enthält unter anderem folgenden Text von 1933:

Ein Mensch schlief von klein auf bis ins hohe Alter immer auf dem Rücken mit gefalteten Händen. Schließlich und endlich starb er. Schlafe deshalb auf der Seite.

—-

aber auch dieser vom August 1933

Ein Haus mit vielerlei Figuren

steht auf dem Küchenhocker drinnen

Und Menschen gehn vorbei mit Uhren,

mit Lampen, in Krawatten – grünen.

Und plötzlich platzt ein Faß

und Scherben fallen in den Sand,

und hält die Luft an und wird blaß

und denkt verdutzt: da war doch was,

und reibt die Stirn sich mit der Hand.

am 2. Februar 1942 stirbt Charms in einem Leningrader Gefängnis, während die Stadt von deutschen Truppen belagert wird.

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Alexandr Vvedenskij

Das zweite Poem in Olga Martynovas großartigen Gedichtband Von Tschwirik und Tschwirka, der in diesem Jahr im Verlag Droschl erschienen ist, heißt Wwedenskij und bezieht sich auf eben jenen Oberiuten, der 1941 auf einem Gefangenentransport starb. Er wurde 1904 in St. Petersburg geboren. Kaum eines seiner Werke ist ins Deutsche übertragen wurden. Dank der Friedenauer Presse konnte ich mir aber dieses Heftchen besorgen.

Alexandr Vvedenskij

EINE GEWISSE ANZAHL GESPRÄCHE UND ZWEI GEDICHTE

Deutsch von Peter Urban (1987)

darin Folgendes:

8  Gespräch der Kaufleute beim Bademeister

Zwei Kaufleute irrten durch das Schwimmbecken, in dem kein Wasser war. Der Bademeister aber saß unter der Decke.

ZWEI KAUFLEUTE wie Stiere die Köpfe gesenkt Im Becken ist kein Wasser. Ich bin außerstande zu baden. Ach.

BADEMEISTER

Öde ist mein Dasein hier:

Ich sitz wie eine Eule unterm Dach

Der Dampf von Baden heute

Luft – ein Stier

Steht über jedem Bottich, tanzt.

Ich bin ein Nebelschwaden

Dunkels Beute

Werd ich wahrscheinlich ganz.

Die Öfen flackern,

Kerzen blaken,

Der Dampf faucht mitleidslos entfacht.

Auf nassen Balken

Gelblich blasse Backen,

Für eine neue böse Schlacht

Wird schon der Aufguß angemacht.

Zur Birkenrute,

Greif, dich spute,

Den Finger übermannt die Gier.

Im Nebel wühlen

Pfeifen, brüllen

Der Vater, Reiter und das Tier.

Der Dampf – besoffner Bettler überm Ofen

Im gottlos finsteren Asyl,

Wo von den Fratzen der Ganoven

Die Leichenwolke flog und fiel.

ZWEI KAUFLEUTE die Köpfe erhoben gleichsam verstummt Gehn wir zu den Frauen. Hier bin ich außerstande zu baden.

BADEMEISTER sitzt unter der Decke, beinahe eine Bademeisterin

Göttinnen

Tretet ein voll Glanz

Der Himmel

Erstarrt

Starrt in Distanz

Oleg Jurjew

Petersburg ist ein Universum. Die dichterische Produktion der Stadt unüberschaubar. Stichwort Oberiu. In Deutschland noch immer kaum bekannt, außer durch ein Dossier im Schreibheft und Charms. Dank der unermüdlichen Arbeit von Peter Urban, der einiges übersetzte, vor allem Charms Tagebücher, die einen kleinen Eindruck in die damalige Szene vermitteln. Petersburg hat die deutsche Belagerung überlebt und die Sowjetherrschaft überstanden.  Die künstlerische Produktion in der Stadt hat sich am leben erhalten und eine außergewöhnliche Spezifik entwickelt.

Ein herausragender Dichter der Gegenwart ist Oleg Jurjew, der jetzt in Frankfurt am Main lebt. (wenn er mal zu Hause ist.) Auf russisch ist gerade die Essaysammlung  „Pausenfüller – Buch der russischen Poesie“ erschienen. (grob übersetzt der Titel), die auf eine Übersetzung wartet. Im letzten Jahr erschien im Verlag Jung und Jung Jurjews wunderbarer  Gedichtband
„In zwei Spiegeln“, darin findet sich dieses Gedicht:

DIE EDENKOBENZIKADEN

Damit die Stille nicht zu hören wär‘
Zwischen halb acht auf zehn,
erfand Gott Nähmaschinchen,
die Reben zu Trauben vernähn.

Aber ginge auch nur eine entzwei,
blieben alle stehn bis daß der Klempner kommt:
die Nadel hoch ringt sich Geknäuel,
und unten häuft sich Traube dicht an Traube.

Einmal in fünfzehn Jahren reißt jeder Faden.

(Irgendwo im August, Anfang September,
Geruch, weingeräuchert, regenversilbert).

Die Kerze ohne Regung, Licht läuft in die Ärmel.

Wolken machen sich schwer, werden ausgelassen

Georg Hoprich

weil wir gerade in einem anderen Zusammenhang darauf zu sprechen kamen, sei an dieser Stelle auf den rumäniendeutschen Autoren Georg Hoprich verwiesen. bei Reinecke und Voss erschien der Band  Bäuchlings legt sich der Himmel.

darin findet sich Folgendes:

 

Ein Lied vorbei

 
Verblichnes Land auf müden Füßen

sinkt lautlos in den Raum.

Es hindert um die kühlen Vliessen

und um den Winterbaum.

 
Der Baum wuchs auf im Glockenschäumen

aus der Vergangenheit.

Ein Lied vorbei an kahlen Träumen,

ein weisses Schweigen weit.

Innokentij Annenskij

manches bleibt unbeachtet, in diesem fall ein drama. warum lest ihr das nicht? fragt man sich, oder sprecht ihr nur nicht darüber. diesen autoren halte ich für essentiell, egal was man macht, und wenn man kühlschränke verkauft, physik unterrichtet oder autos zusammenschraubt. man sollte annenskij lesen. 2010 erschien eine zweisprachige ausgabe in der edition rugerup


Zwischen den Welten

Zwischen den Welten, im Lichterfunkeln,
wiederhole ich den Namen IHRES Sterns …
Nicht, um SIE zu lieben – SIE ist mir fern,
Doch ohne SIE drifte ich durchs Dunkel.

Und drohe ich zitternd zu verglühen,
dann zündet SIE eine leuchtende Spur,
nicht, um mir einen Weg zu zeigen – nur:
Weil ich neben IHR zu Phosphor würde.

3. April 1909,
Zarskoje Selo

 
aus: Glöckchen klingen

Ein abgelegener Weg.
Glöckchen erzählen in einer Winternacht
einem Mitreisenden diese Hochzeitsgeschichte.

Ding-Dang-Dong,
Ding-Dang …
Dido Lado, Dido Lado,
Lida fürs Ding-Dang-Dong herrichten,
Dido für Lida herrichten,
sichteten, richteten,
was mit Dido angerichtet.
An dem Tage hergerichtet,
ja, den Tag ausgerichtet,
doch mitnichten – unverrichtet,
etwa Köpfe mitvernichtet?
Lidas Dido fast verzichtet,
Dido, ach, zugerichtet.
Ding-Dang-Dong, Kling-Klang-Klong …
Glocken rasseln, rasseln,
Glocken prasseln, prasseln,
dies Gerassel, dies Gequassel,
ja, vermasselt, wie vermasselt …

Claire Goll

ich weiß, ich weiß, es ist ein schwieriger name und ihre anschuldigungen gegen celan waren haltlos (allerdings geht man mit männlichen kollegen selten so hart ins gericht wie mit ihr. naja jungs sind eben immer opfer der umständ, so scheint es, während die frauen von männern den umständen zugerechnet werden.)

ABER:

dieses heftchen solltet ihr lesen, denn es ist entzückend. und kostet soviel wie eine schachtel zigaretten plus billigem feuerzeug.

Claire Goll
Tagebuch eines Pferdes
Ein Gedicht in Prosa
Nachdruck der Ausgabe von 1952

hochroth Verlag
Berlin 2013

auszug:

 

FESTTAG – ST. BUCEPHALUS

HEUTE hat sich das Syndikat der Pferde gebildet. Man hat mich zum Vorstandsmitglied gewählt. Habe deshalb immer mit den Füßen zu scharren. Es wurde folgender Aufruf erlassen:

Die Pferde der Bergwerke, der Pariser Markthallen, der Speditions- und Lastwagen, der Droschken und Postkutschen, der Batterie- und sonstigen Leichenwagen, die Drehmühlenpferde, die Genossen der Minen, die Pferde der Schiffszieher der Wolga, die nördlichen Pferde, die das Seegras in eisigen Meeren holen müssen, die Kameraden, die durch Reisfelder waten, Spanier und Mexikaner, die man in Stierkämpfen martert, Marrokaner, von arabischen Reitern in Fantasias gequält, kurz alle proletarischen Vierfüßler protestieren hiermit feierlich gegen den Missbrauch ihres Lebens durch den Menschen und fordern die Tierschutzvereine auf, sie zu unterstützen in ihren Forderungen:
Achtstundentag, Sonntagsruhe, Abschaffung der Leichenschändung und Wurstverarbeitung, Aluminiumhufe für alle Pferde, Gummireifen an allen Wagen, Bestrafung jeder Handhabung der Peitsche, Invaliden- und Altersversicherung, vierzehn Tage Ferien. Sonst Androhung des Generalstreiks, solidarisches Stillstehen aller Pferde der Welt.

Der Pferdeausschuss.

 

natürlich entspinnt sich im anschluss eine liebesgeschichte.

lesen!