PRO DOMO – JOHN HÖXTER

Wenn ich wollte, was ich könnte,
Könnt‘ ich eher, was ich wollte;
Doch wie will ich wollen können,
Und wie kann ich können wollen
Ohne Muß zum Können wollen,
Da man wollen kann, wer muß!
Müßt‘ ich wirklich, was ich müssen wollte,
Könnt‘ ich sicher, was ich können muß.
Seht! Ein Mann, der manches können könnte,
Wenn der gute Mann nur wollen wollte.
Er verstummt und macht vorzeitig Schluß,
Weil (nach Nathan) kein Mensch müssen muß!

aus: John Höxter (1884.1938) Gedichte und Prosa.
hrsg. von Franz-Josef Weber und Karl Riha. Siegen 1984
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Jeffrey Yang

Auch von letztem Jahr: Jeffrey Yang: EIN AQUARIUM, in der Übersetzung von Beatrice Faßbender erschienen im Berenberg Verlag.

In dieser mit allen Wassern gewaschenen Dichtung ist es nur ein kleiner Sprung von den Zooxanthellen zu einer langen Threnodie über die amerikanischen Atomtests im Bikini-Atoll, wobei der Autor wiederum hinter die Fakten zurücktritt und sie für sich selbst sprechen läßt — was seine Kritik umso schneidender, die Wirkung umso größer macht. Doch es gibt daneben Raum genug für die Fülle und Schönheit, die immer bedrohte, und das meditative Nachsinnen: das Gedicht „Vakuum“ zum Beispiel besteht nur aus einem Zitat über ein Vakuum, und man denkt unwillkürlich an John Cages 4’33’, in dem die Musik allein aus den Geräuschen besteht, die den reglos vorm Klavier sitzenden Pianisten umgeben.

(Jürgen Brôcan auf Fixpoetry)

Aristotle

Aristotle thought eels
“the entrails of the earth.”
If “eels” were replacedwith
“politicians” this image
would be a guideway to a sign. Instead,
it’s an instance of
converting Metaphors
into Proprieties. And so Browne
doubted Aristotle’s leap
into Euripus.
For not understanding tide’s
motion, Aristotle recognized
the “imbecility” of reason.

Aristoteles

Aristoteles hielt Aale für
„die Eingeweide der Erde“.
Ersetzte man „Aale“ durch
„Politiker“, würde dieses Bild
den Weg zu einem
Zeichen weisen. Stattdessen
ist es ein Beispiel für die
Verwandlung von Metaphern
in Eigenschaften. Und so bezweifelte
Browne den Sprung des Aristoteles
in den Euripos.
Da er die Bewegung der Gezeiten
nicht verstand, erkannte Aristoteles
den „Schwachsinn“ der Vernunft.

No meio do caminho

CARLOS DRUMMOND DE ANDRADE

(* 31. Oktober 1902 in Itabira, Minas Gerais; † 17. August 1987 in Rio de Janeiro)

No meio do caminho

No meio do caminho tinha uma pedra
tinha uma pedra no meio do caminho
tinha uma pedra
no meio do caminho tinha uma pedra

Nunca me esquecerei desse acontecimento
na vida de minhas retinas tão fatigadas.
Nunca me esquecerei que no meio do caminho
tinha uma pedra
tinha uma pedra no meio do caminho
no meio do caminho tinha uma pedra.

 

Auf der Hälfte des Weges

Auf der Hälfte des Weges war ein Stein
war ein Stein auf der Hälfte des Weges
war ein Stein
auf der Hälfte des Weges war ein Stein.

Nein, nie werde ich dieses Ereignis vergessen
im Leben meiner ach so müden Netzhaut.
Nein, nie werde ich vergessen, auf der Hälfte des Weges
war ein Stein
war ein Stein auf der Hälfte des Weges
auf der Hälfte des Weges war ein Stein.

Ü. NL

RAHMENWECHSEL

Was passiert, wenn der Leser zum Betrachter des Schönen im Sinne von Kants Kritik der Urteilskraft wird; der geborgene & doch begrenzt befähigte Leser — wie in einem Reservat, einem kontrollierten Raum.

Können wir einem Leser helfen, experimentell-erfahrungsbezogenes Wissen zu produzieren & nicht nur Klischees zu reproduzieren?
Können wir eine Störung in der Übertragung erzeugen, die uns hinsichtlich ihrer Produktionsbedingungen zu denken gibt? [Ich kann‹s grade nicht erklären … das ist es, was Störung hier bedeutet]
Wenn also diese Poetik des Lesers ein Machen ist — das z.B. Affekt in Relation setzt — dann ist das eine größere Befähigung.
Oder wirkliches Selbst-Management.
Ein «phatisches« oder »skatologisches« Management, das Kanäle offen hält.
Und Zukunft offen hält.
Mit Dopamin-besprühter Aufmerksamkeit, mit der Suchfunktion als Art zu Lesen — weil sich selbst einzelne Wörter in einem Zustand wilder Fluktuation befinden.
Eine Neurahmung oder Referenztransformation — vielleicht ähnlich Kants Urteil des Erhabenen: wobei das Erhabene das System der Sprache ist — oder des Diskurses, der Geste usw. — das nicht totalisierbar ist.
Sodass ein Prozess der Reflektion & nicht der »Datenverwaltung« ausgelöst wird.
»Schaut auf den Berg!«; erweitert Eure Sicht.
Ich mag Exkursionen.
Oder Rahmenwechsel.
Oder daran erinnert zu werden, das alles anders sein könnte.

Aus: Bruce Andrews, READER REPO

Übersetzt von  Dennis Büscher-Ulbrich

Quelle: Karawa.net

LINKS (und Rechts verwechsern)

Gewürze für den heimischen Suppentopf:

http://epc.buffalo.edu/authors/ <- enthält Primärtexte (teilweise ganze Gedichtbände), Sekundärmaterial, Übersetzungen und Linksammlungen. Vor allem zu nordamerikanischen Autoren, der L-a-n-g-u-a-g-e-Poetry, ihren internationalen Mitstreitern und Vorläufern.

http://www.writing.upenn.edu/pennsound/ <- Von Apollinaire bis Zukofsky. Eine reichhaltige Sammlung von Ton- und Videoaufnahmen. Wird regelmässig um Podcasts und Mitschnitte von Lesungen und Symposien erweitert.

http://eclipsearchive.org/authors.html <- eine große Auswahl von in kleinen amerikanischen Verlagen erschienenen Gedichtbänden. Alphabethisch von Rae Armantrout bis Barrett Watten.

http://ubuweb.com/ <- Kenneth Goldsmiths unschätzbare Archivsammlung in Bild, Text und Ton. (Klassische Avantgarden bis Avantgarde Now).